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DVD „Der Geist der Biker”
Die abenteuerliche Reise eines Dresdner Motorradclubs durch das Herz Russlands. Ein Film über den universellen Geist der Biker.
» witzig, schrill, ironisch und intelligent.. « MOTORRAD
» Ein echter (Noch)-Geheimtipp! « MotorradABENTEUER
Sammler-Edition im hochwertigen Digipak · 63 Minuten + 40 Minuten Bonusmaterial · Kommentartrack des Filmemachers · in Deutsch, Russisch und Englisch
DVD Motorradfilm
10,98 €
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Die abenteuerliche Reise eines Dresdner Motorradclubs durch das Herz Russlands. Ein Film über den universellen Geist der Biker.
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High Speed-Download der DVD (deutsch) - inklusive Kommentartrack und 40 min. Extras. Kopieren, Aufführen und Remixen erwünscht!
Download Bikers Soul
5,00 €
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Download: DVD „Route 66”
104 min · 5.1 Sound in deutsch und englisch · Kommentarspur · PAL

High Speed-Download des originalen, ausverkauften DVD-Image (mit Kommentartrack). Selbstverständlich darfst Du die DVD kopieren, aufführen, weitergeben oder verändern - auch zu kommerziellen Zwecken. Nutze den freien VLC Player zum Abspielen oder brenne die DVD.
Download Route 66
5,00 €
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Buch „Route 66”
Drei Jungs auf einem Road Trip durch die Klischees der amerikanischen Kultur – in einem 74er Cadillac V8. 4000 Meilen durch Klein- und Großstädte, Wüsten und Canyons, über Pisten und Interstates.
Das Buch zum Film. 108 Seiten
» Sobald du Grün siehst, stemmst du das Gaspedal in den Filzteppich, die Reifen pfeifen kurz, krallen sich in den Belag, dann drückt es dich in den weichen Sitz, das Handschuhfach fliegt auf, der Motor schreit dich an und deine Gegner verschwinden in einer Wolke aus Benzin, Öl und verdampfendem Gummi. Den acht Litern Hubraum ist kein Japaner gewachsen. «
DVD Route 66
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DVD „Geist der Biker”
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Winter

Wieder Neues aus meiner Tourenfahrer-Glosse:

Kein Grund zur Panik, solange es Fortschritt gibt.

Neuschnee ist keine gute Nachricht für die meisten von uns. Zwanzig Zentimeter davon lagen heute vor meiner Haustür, der Bus hatte noch keine Winterreifen und das Mopped stand nicht mal in der Garage. Wie konnte das passieren? »Hey, Nietzsche, was ist mit dem Klimawandel? Für den hab ich bezahlt, wo bleibt er?«, brüllte ich die Katze unseres Nachbarn an, die sich scheinbar über meine Badelatschen lustig machte, in denen ich zum Briefkasten laufen wollte. »Vergiss es«, murmelte ich, ging wieder rein und schaltete das Laptop ein. Neuschnee ist immerhin eine Ausrede um einkaufen zu gehen. Weihnachten kommt sicher und ich will verdammt sein, wenn ich ich nicht das Beste aus einhundert Jahren Motorradkultur mit zitternden Händen aus lausigem Geschenkpapier reiße, und wenn ich es mir selbst schenken muss. Eine bessere Gelegenheit wird es so bald nicht geben, also lassen wir uns lieber schnell noch einen Kaffee raus, loggen uns bei Amazon ein und verschanzen uns hinterm Ofen, bis der Postbote kommt.

Das letzte mal, dass ich völlig unerwartet dem Winter in die Augen starrte, war vor 13 Jahren. Ich fuhr mit einer alten Yamaha durch Texas, wo man um die Zeit sonst im Polo-Shirt auf den Golfplätzen herumhängt. Aber nicht in diesem Jahr. Eine Kaltfront hatte Südtexas erreicht und meine Straße in eine Hölle aus Eis verwandelt. »Hm«, dachte ich, als ich am ersten Feiertag 6 Uhr 30 in einem Motel aufwachte. »Na dann viel Glück, Junge.« Ich wollte Richtung Mexiko weiterfahren, zum Big Bend Nationalpark, an die Staatsgrenze. Ich hatte 400 Meilen vor mir, bei 15 km/h dauert das 43 Stunden, ich musste also mindestens 50 fahren und das war auf Eis praktisch nicht unfallfrei möglich. Aber ich hatte keine Wahl. Ein Tag im Motel vorm Cable-TV mit Junkfood war grandios, aber zwei, drei solcher Tage wären eine Überdosis. Das ist wie mit allen Drogen, geh einen einzigen Schritt zu weit und der Horror bricht über dich herein und der Wahnsinn frisst sich durch dein Gehirn und hinterlässt böse lange Schatten. So stand ich dort, zum Sonnenaufgang, auf dieser Kreuzung in Texas, mit 650 Kilometern geradlinigem Highway vor mir, der in spätestens vier Stunden zu einer Hölle aus Eis werden sollte und ich wusste nicht, ob ich vor Kälte oder Angst zitterte.


Ich kam noch vor der Dämmerung am Hotel an. Dort brauchte ich zehn Minuten um meinen Helm abzusetzen. Der Verschluss war zugefroren und meine Hände zu Klauen vereist. Als ich dann wieder reden konnte, lachte die halbe Belegschaft über meinen Zimmerwunsch. »Kuck dir den Irren dort an, er will heute ein Zimmer.« Natürlich war das Haus komplett ausgebucht, aber man brachte mir immerhin einen Kaffee. Es sah so aus, als ob ich weiter müsste, Plan B gab es nicht, es gab nur diese Geisterstadt am Rio Grande, wo ich mich in eine heiße Quelle setzen könnte, um dort die Nacht im Wasser zu verbringen.

Was ich auch tat. Am nächsten Morgen sah ich nicht weit von der Quelle entfernt eine alte BMW R80G/S neben meinem Mopped stehen und ihr Fahrer sah aus, als ob er noch einiges vor hatte. »Klassiker!«, sagte er, als ich ihn begrüßte und zeigte auf meine Yamaha. Es war scheinbar Routine für ihn, am Ende der Welt, 50 Meilen von der nächsten Asphaltstraße entfernt, auf andere seltsame Biker zu treffen. »Du kennst das Motorrad, oder?«, fragte er mich und zeigte immer noch auf mein Bike. Dann holte er eine Kaffeemaschine aus seinem Topcase, lud mich zum Frühstück ein und erzählte die Geschichte meiner Yamaha XY600 Radian, Baujahr 1986. Die ging ungefähr so: Mitte der 80er, das war die Zeit in der es still wurde in den Chefetagen der Moppedkonzerne. Die Geschäftsführer wurden nervös. Gerade eben noch hatte man sich 20 Jahre lang täglich in den Schlaf gelacht, weil sich praktisch zwischen Abendbrot und Frühstück dauernd die Verkaufszahlen verdoppelten, bis scheinbar plötzlich keiner mehr was kaufen wollte. Entsetzte Gesichter, wohin man schaute, bei Händlern und Produzenten, der Untergang der ganzen verdammten Branche schien bevorzustehen. Cruiser wurden erfunden, Tourer, Supersportler, aber die Kisten standen nur rum und wurden speckig vom Hin- und Hergeschiebe zwischen ungeheiztem Lager und Verkaufsraum. Panik machte sich breit, niemand hatte Kohle für neue Moppeds übrig.
Dann kam die Radian auf den Markt. 2.400 Dollar für eine Vierzylinder – 40% weniger als alle vergleichbaren Bikes kosteten und das für eine erstklassige Maschine, die auf der Viertelmeile den 600er Supersportlern davonzog, dabei besser aussah, weniger verbrauchte und sich auch noch gut anfühlte. Bike des Jahres und Kaufempfehlung in praktisch jedem Moppedmagazin – sowas gibt es nicht oft, nämlich immer nur dann, wenn der Markt es von den Unternehmern einfordert. Danach hatten alle wieder was zu lachen, die Branche erholte sich.
»Fortschritt heißt das«, sagte der Biker. »Deine Yamaha«, er verbeugte sich fast vor dem Mopped, »steht für Fortschritt durch Kapitalismus.«

Daran musste ich denken, als ich mich heute neben den Ofen auf die Couch setzte, die Beine hochlegte und mich bei Amazon einloggte. Kein Stau, keine Schlangen, keine Parkplatzsuche. Ein paar Millionen Artikel und Lieferung am nächsten Mittag. Und was kaufe ich nun zu Weihnachten? »Hallo Stefan, Empfehlung für Sie: ›Robert M. Pirsig: Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten‹«

Hinter dem Tellerrand

Wieder Neues aus meiner Tourenfahrer-Glosse:

Warum Liechtensteiner bessere Grenzkammstraßenfahrer sind.

Meine KTM lag nur drei Meter unter der Straße, von dort aus ging es aber nochmal 50 Meter runter. Da es seit ein paar Stunden regnete, rutschten wir bei jedem Versuch die Adventure zu bergen mit den Stiefeln im Dreck weg. Der Hang war viel zu steil zum Fahren, der Reifen schleuderte nur Matsch und Steine rum und das Heck rutschte immer wieder Richtung Abhang, sobald wir am Gas drehten. Es blieb also nur noch, die Karre mit Muskelkraft irgendwie am Felsen entlang hochzuzerren. Aber obwohl sie nur 170 Kilo wog und wir zu zweit waren, brauchten wir eine Stunde um einen halben Meter zurückzulegen und waren anschliessend völlig fertig. Vielleicht auch, weil die Luft so dünn war, wir waren auf 2.000 Meter Höhe, auf der Ligurischen Grenzkammstraße.

Dabei hatte der Tag ziemlich gut angefangen, so gut, wie nicht viele Tage anfangen. Unsere Zelte standen auf einer Wiese, weit über der Baumgrenze. Die Sonne kam gerade hinter dem Felsmassiv vor, das auf der anderen Seite des Tals vor uns lag und wie eine Insel aus der Wolkendecke ragte. Wir befanden uns auch auf einer solchen Insel, die Luft war klar hier oben, der Tau glitzerte auf den Maschinen. Mit einem Kaffee in der Hand grinsten wir unsere Motorräder an, die aus der sowieso schon beeindruckenden Szene ein gemeinsames, bevorstehendes Abenteuer machten. Neben mir und meinem Kumpel Matt stand noch ein dritter Kerl, Urs aus Liechtenstein. Der hatte uns den Kaffee gebracht, aus seinem umgebauten schweizer Militär-LKW. Den letzten Abend hatten wir mit ihm hier am Lagerfeuer verbracht. »Dazu fällt mir leider gar nichts ein«, hatte ich ihm am Feuer gesagt. »Wozu?«, fragte er. »Zu Liechtenstein«

So wie Urs ging es mir auch schon mal - in den USA. Dort wusste praktisch auch keiner über Länder bescheid, die kleiner waren, als das eigene Land, worunter dann eigentlich alle Länder fallen, auch Deutschland. Mehrheiten wissen scheinbar generell nur über sich selbst bescheid, während Minderheiten nicht nur sich selbst, sondern oft auch noch die Mehrheit durchschauen - das war damals meine These und diese These ließ sich auch auf Moppeds anwenden. So wie Urs aus Liechtenstein geht es nämlich zum Beispiel auch den Triumph-Fahrern, die sind alle schon mal Zwei- oder Vierzylinder gefahren, während außer ihnen aber kein Mensch weiß, was eine Dreizylinder ausmacht. Das ging mir durch den Kopf, als ich Urs aus seinem Gefährt steigen sah. Ich fragte mich, was er als Minderheit zu sagen hatte, als Bewohner einer Monarchie, mit 30.000 Einwohnern, die mich in schwarzen Luxuslimosinen mit schwarzen Kennzeichen jede Woche auf dem Weg nach Zürich auf der Autobahn überholten. »Wie konnte es dazu kommen«, fragte ich ihn schließlich bei Kaffee und Sonnenaufgang und zeigte auf das Heck seines Expeditionsfahrzeugs, »dass Liechtenstein das einzige europäische Land mit gutaussehenden Nummernschildern ist?«

»Oh ja«, sagte er fast traurig. »Das geht weit zurück. In Europa fing es zuletzt wieder in den 60ern an. ›Größer ist besser‹ war immer mehr das Motto«, sagte er und meinte damit nicht die Nummernschilder. »Vor allem die politische Macht wanderte immer mehr ins Überregionale ab und diese Entwicklung findet gerade mit der EU sozusagen ihren vielbeachteten und spektakulären Abschluss. Liechtenstein, dagegen, ist so klein«, fuhr Urs fort, »dass die meisten von uns in die Schweiz umziehen könnten, ohne den Freundeskreis zu verlassen. Um uns als Steuerzahler zu behalten, muss sich unser Staat also ernsthaft um uns bemühen, und mit der Schweiz als unmittelbaren Konkurrenten auf dem Steuerbürgermarkt, ist das gar nicht so einfach für Liehtenstein.« Steuerbürgermarkt - das war schon mal keine gewöhnliche Perspektive, jedenfalls nicht in Deutschland. »Du kennst vielleicht diesen berühmten Ausspruch«, fuhr Urs fort, »›Frage nicht, was dein Staat für dich tun kann - frage, was du für deinen Staat tun kannst.‹ Von Kennedy stammt das und wenn demnächst die Bürgerrechte des Durchschnittsamerikaners noch weiter schrumpfen, dann kann bald jeder sehen, wohin das die USA gebracht hat. Da gefällt mir das Zitat des amtierenden Prinzen von Liechtenstein besser: ›Frage nicht, was ein Bürger für den Staat tun kann, sondern was der Staat für den Bürger besser tun kann, als jede andere Organisation.‹« »Ja, da ist was dran«, sagte mein Kumpel später zu mir. »So reden Leute, die man nicht so einfach in die Schranken weist.«

Nach dem Kaffee fuhren wir los und gegen Mittag hatten wir das anspruchvollste Stück der Strecke erreicht, einen Abschnitt voller fetter Steinsbrocken, der allerdings nur 500 Meter lang war. Hier kamen uns die ersten und letzten Leute entgegen, ein Sohn, der sein Bike weiter vorn abgestellt hatte und jetzt die Straßenenduro seines Vaters über die Steine zirkelte. Davon abgesehen war die Grenzkammstraße harmlos, jedenfalls wenn man nicht schneller als im Dritten fuhr. Selbst für einen Unimog war das machbar. Nur ein Schwachsinniger würde hier mit dem Mopped abstürzen, die Piste ist überall mindestens zwei Meter breit, dachte ich gerade, dann kamen wir an eine Schranke. Links neben der Schranke ging eine Felswand nach oben, rechts ging es 50 Meter runter. Zwischen Schranke und Abhang sah ich einen kleinen Pfad im Matsch. Kein Problem, dachte ich, den nehme ich. Bis ich mit meiner Gepäckrolle an der Schanke hängen blieb. Dann begann mein Mopped langsam in den Hang zu kippen, während ich, auf den Rasten stehend, krampfhaft versuchte es in die andere Richtung zu ziehen. Fünf Sekunden dauerte es, bis klar war, dass ich stürzen würde, dann stieß ich einen merkwürdigen Laut aus, krachte der kompletten Länge nach in den Hang, das Bike schlug einmal über mich drüber, blieb aber auf der linken Seite liegen, weil ich irgendwie das Lenkerende festgehalten hatte. So rutschten wir noch ein paar Meter, bis das Kupplungsgehäuse am Felsen hängen blieb. Eine Stunde später saßen Matt und ich keuchend neben dem Mopped, ohne einen Schimmer, wie wir die Kiste wieder hochkriegen sollten. Dann kam unser drahtiger Sportsfreund Urs mit seinem LKW angefahren, stoppte vor der Schranke, stieg in den Hang herab und hiefte fast im Alleingang die KTM wieder hoch.


Nun standen wir alle gemeinsam vor der Straßensperre und ich war drauf und dran umzukehren. Aber Urs, der Liechtensteiner, lächelte nur, ging zur Schranke, schaute sich das Schloss an, stellte fest, dass es gar nicht verschlossen war, öffnete den Balken und fuhr leise und unspektakulär davon.

Die Kurve kriegen

Neues aus meiner Tourenfahrer-Glosse:

Wer nicht mit Vollgas in den Ruin fahren will, der sollte seine Sicherheit bald selbst in die Hand nehmen.

“Was ist das?”, fragte der Typ und zeigte auf meine Schuhe.
“Bunker Rommel 2”, sagte ich, so hießen die Schuhe tatsächlich. Er runzelte die Stirn. “Die habe ich in einem normalen Punk-Laden gekauft, in Zürich”, sagte ich. “Hergestellt in Spanien - hab ich extra gegoogelt, nachdem mir der Name dann auch komisch vorkam. Mit Nazi-Bullshit hat das scheinbar nichts zu tun.”
Er lachte. “Ich meine, wo ist Deine Schutzkleidung? Das hier ist ein Sicherheitstraining!”
Ich war eigentlich nur auf der Durchreise. Mein Mopped parkte in der Stadt, aber die Klamotten hatte ich nicht dabei. Deswegen kam ich wie ein Tourist auf das Übungsgelände, was dem Trainer gar nicht passte und mir auch nicht. Aber es ließ sich nicht ändern, glaubte ich. Das Training hatte mir am Vorabend ein alter Kumpel geschenkt. “Hier Junge, mir ist was dazwischen gekommen. Geh hin, wenn Du Zeit hast. Dann lernst Du mal ordentlich fahren.” Womit er gar nicht so unrecht hatte. Ich fuhr zwar seit 20 Jahren, aber alles was ich mir von Profis dazu hatte sagen lassen, passte in eine Fahrstuhlunterhaltung. “Hm, warum nicht”, sagte ich. “Gib her, das Ding.”
“Unter einer Bedingung”, er hielt den Gutschein zurück. “Ich will, dass Du jede einzelne Übung am Limit fährst”, sagte er und grinste. “Uuh”, stöhnte ich und zögerte. “Okay, Deal.”

Wir waren 10 Leute, darunter eine Frau. Fünf Naked Bikes, vier Reiseenduros und meine LC4 Adventure, an der noch der Schlamm von der Breslau-Rallye klebte.
Der Plan war folgender: Kurventraining, Ausweichtraining, Mittagessen, Bremstraining. Unser Altersschnitt war vielleicht 40. Vier oder fünf fuhren regelmäßig und zwei oder drei waren Wiedereinsteiger. Jeder hatte seine eigenen Gründe für das Training, aber es gab etwas, das allen gemein war: ein Sinn für Eigenverantwortung. Was nach einer üblen Großmutter-Phrase klingt, aber auch heute immer noch sehr nützlich sein kann, wenn man es erst mal verinnerlicht hat.
Mit meinem Kumpel vom Vorabend, der gebürtiger Schwede ist, kam ich genau darauf zu sprechen. “Diese Stadt hat eine halbe Million Einwohner”, sagte er, als er mir den Gutschein gab. “Und pro Jahr machen davon hier nicht mal einhundert dieses Training”, fuhr er fort. “Es gibt eine Redensart unter alten Schweden: Schwede zu sein bedeutet, für sich selbst vorzusorgen, auf sich selbst aufzupassen und niemandem zur Last zu fallen. Das war vor einhundert Jahren.” “Was ist draus geworden?”, fragte ich. “Der Sozialstaat ist draus geworden”, sagte er. “Meine Großmutter gehörte zur letzten Generation, die diesen unerschütterlichen Stolz hatten, die Überzeugung, dass sie ihre eigenen Herren im Leben sind, ihre eigenen Glückes Schmied, egal was passiert. Mit dieser Einstellung hat diese Generation das schwedische Wirtschaftswunder geschaffen. Und dann begann die Umverteilung, der Wohlstand war ja da, also haben sie das, was vorher privat organisiert wurde - das Helfen der Bedürftigen - zur Staatsaufgabe gemacht. Das hat die Moral fundamental verändert. Meine Generation”, sagte er, “ist bereits mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass wir ein angeborenes Recht auf Bildung, Gesundheit und Sicherheit haben. Unsere Kinder sind nun soweit, dass sie glauben, sie hätten ein recht auf Arbeit. Mein Neffe glaubt, dass die alten Menschen ihm die Arbeit stehlen. Man hat ihm gefälligst eine Arbeit zur Verfügung zu stellen. Die Moral meiner Großmutter, dass sich jeder um sich selbst kümmern muss, steht jetzt, drei Generationen später, auf dem Kopf. Und deswegen”, er schien nun endlich auf den Punkt zu kommen. “Und deswegen ist, erstens, Schweden schon lange nicht mehr unter den wohlhabendsten Ländern der Welt - es geht bergab und es sieht nicht so aus, als würden wir die Kurve kriegen, und zweitens, deswegen macht niemand mehr diese verdammten Sicherheitstrainings.” Womit er vielleicht recht hatte, viele Leute denken wahrscheinlich ihre Sicherheit wäre Aufgabe des Staates. Aber ich hatte keine Zeit, darüber weiter nachzudenken, es war schon halb zwei und das Training sollte 9 Uhr beginnen.

Das Übungsgelände in Dresden liegt am Flughafen und ich fuhr erst mal dran vorbei, weil es so klein ist. Der ADAC macht dort nur Basistrainings, wofür der Platz dann allerdings ausreicht. Mit starker Maschine und guten Bremsen kann man hier vielleicht auf 130 beschleunigen, ohne im Terminal einzuschlagen.
Die beste Übung war das Kurvenfahren, beziehungsweise das plötzliche Verringern des Kurvenradius, was der entscheidende Tipp werden sollte, den ich mit nach Hause nahm, 15 Jahre zu spät, allerdings. Damals bin ich als Teenager immer mit einer Honda Dominator ins Nachbardorf gefahren und habe die Zeit von Ortsschild zu Ortsschild gestoppt. Ein halbes Jahr lang machte ich das mindestens wöchentlich, bis ich eines Tages zu schnell war. Ich fuhr zu schnell in die Apfelplantagenkurve und begann dann zu bremsen, in Schräglage, im ersten Drittel der Kurve.
“Bist du dämlich, Junge?”, hätte man dazu in der Fahrschule gesagt, was aber leider nichts nützt, denn jeder halbstarke Fahrschüler weiß genau, dass der Tag kommen wird, an dem genau das passiert. Man wird doch zu schnell sein, in irgend einer Kurve, und was dann?
“Ihr könnt ruhig in der Kurve bremsen, egal was die Fahrlehrer sagen”, versicherte uns der Trainer, was ich schon mal sehr nett fand, denn nicht zu bremsen, wenn man offensichtlich zu schnell ist, fordert unmenschliche Disziplin von einem Laien. Aber wo war dann der Trick? Ich hatte gebremst, damals, und natürlich hatte sich das Bike aufgerichtet, die Spur verlassen und rutschte dann mit dem Vorderrad im Schotter des Straßenrands weg, im Scheitelpunkt der Kurve. Was mein Glück war, denn dadurch schleuderte es mich vom Mopped runter, das dann frontal in einen Baum krachte. Mit 60.
“Das funktioniert nicht!”, sagte ich mit schmerzverzerrtem Gesicht zum Trainer.
“Richtig. Bremsen alleine reicht nicht”, sagte er. “Ihr müsst dabei das kurveninnere Lenkerende von euch wegdrücken!” Er hatte recht! Wir übten das ein paar Mal und es funktionierte prächtig, man konnte den Kurvenradius so wunderbar korrigieren. In manchen Kurven konnte ich meine Eintrittsgeschwindigkeit auf die Art beinah verdoppeln. Was ich auch musste, um ans Limit zu kommen, wie ich es meinem Kumpel versprochen hatte. Er wollte scheinbar, dass ich das Maximum aus mir rausholen konnte, um mich auf mich selbst verlassen zu können, wenn es mal hart auf hart kommen sollte. So wie es seine Großmutter wahrscheinlich noch getan hat.
Ich übte den kompletten Heimweg lang, hin und wieder spürte ich irgendwas schleifen. Dann zog ich meine Schuhe aus, als ich da war. “Dieser billige Müll!”, fing ich an zu schreien. Meine Bunker Rommel 2 waren ruiniert. Dann erinnerte ich mich an meinen Kumpel und seine Großmutter und wurde kleinlaut. “Okay, vielleicht hätte ich mir selbst noch rechtzeitig passende Schuhe besorgen müssen.”

Die Klassenkämpfer

Neues aus meiner Tourenfahrer-Glosse:

Ich habe schon lange keine Gesetzestexte mehr brennen sehen, aber die Benzinkanister stehen bereit und die Luft ist geladen. Die ersten Funken werden wir noch auslachen, dann wird es plötzlich ganz still sein - aber nur für einen Augenblick. Wer anschließend die Augen aufmacht, der steht mitten in einer tobenden Menge, nur ein paar Meter vom Feuer entfernt. Am 28. August 1998 starrte ich selbst in die Flammen, gemeinsam mit 7.000 weiteren Bikern. Wir waren aus 27 Ländern nach Bonn gekommen um ein 100 Seiten-Dokument des Bundesumweltministeriums brennen zu sehen. Beziehungsweise waren manche auch nur zum Saufen da, oder zum Essen, oder um auf 5 Hektar in feinster Motorradtechnik umherzutollen, zwei Tage und zwei Nächte lang.

Mein Kumpel und ich kamen schon am Vorabend an, und zwar wie lahme Gäuler, unsere Maschinen waren nämlich nicht für Touren geeignet, die länger waren, als der Tank reichte. Bei Gebhardt waren das 160 Kilometer - 90 weniger als an beliebigen Sonnentagen, weil wir mit Vollgas aus dem Osten nach Bonn fuhren. Nach 5 Stunden Fahrt musste er sich immer erst mal schlafen legen, seine Chopper fuhr sich nämlich so wie sie aussah, wie ein Extremumbau. Die Nickerchen machte er dann auf dreckigen Parkplätzen, mit der Bordsteinkante als Kopfkissen. Ich hatte auch nichts zu lachen. Auf meiner Ratten-Streetfighter hing mein Oberkörper fast parallel über dem Tank, mein Kopf war nach oben gerissen, der Hals komplett überstreckt, die Handgelenke übel abgewinkelt und aus den Mundwinkeln lief mir das Blut. Oder der Sabber, jedenfalls kam ich mir vor wie Jack the Ripper über einer gerissenen Nutte.

Am nächsten Morgen war klar, dass sich die Anreise gelohnt hatte, denn es rollten ein paar tausend Maschinen direkt an unseren Schlafsäcken vorbei. Ich hatte gerade noch Zeit meinen Auspuff abzubauen, dann mischten wir uns in die Kolonne, die zu den zwei größten Bonner Parteizentralen fahren sollte. An den Straßenrändern standen die Zuschauer und staunten, darunter ein paar Dutzend junge Burschen, die auf der Stelle ihre Großmütter anriefen, um einen Kredit für den Motorradführerschein zu verlangen. Jede denkbare Art von Zweirad war vertreten und man konnte wirklich nicht sagen, wer hier Mainstream war, alle waren eigen. Hinter mir fuhr ein ungarischer Superbiker, schräg vor mir ein Tourenfahrer aus Australien. Auf der Grasnarbe schlatzte ein Motocrosser, auf dem Randstreifen ein Cafe-Racer aus dem Nachbardorf. Neben ihm sein Kumpel auf einer Streetfighter ohne Betriebserlaubnis, dahinter ein Chopper-Fahrer mit Klubabzeichen auf der Weste und zwischendrin ein paar Teenies auf ihren Mofas. So zog sich die gesamte Kolonne hin, über Kilometer. Als wir zum Tanken aus dem Strom ausscherten, krachten zehn Minuten lang lückenlos Motorräder vorbei, während die Tankwarte ein Bike nach dem anderen für einen Zehner auf die Hand mit Super befüllten ohne den Hahn je in die Zapfsäule zu hängen. Vor mir an der Tanke stand eine Honda Shadow mit Presseaufkleber und einem jungen Schäferhund im Tankrucksack. Hinter mir stieg gerade Mad Max von seiner Speed Triple, auf die er seinen Simpson-Helm geschnallt hatte, um statt dessen seinen Irokesen spazieren zu fahren. Es gab nur eine Gemeinsamkeit, die ein Motorradkenner unter diesen Siebentausend ausmachen konnte: jeder Einzelne von ihnen war so gekommen, wie er es für richtig hielt. Mit Eintopf oder Sechszylinder, Hund auf dem Tank oder Opa im Beiwagen. Die siebentausend Biker waren angereist um wissentlich oder nicht gegen ihre Bevormundung zu demonstrieren. Sie wollten auch in Zukunft ihr eigenes Ding machen und hatten keine Lust auf Leute, die ihnen ihre Privatangelegenheiten entreissen, bis jede beknackte Schraube und Faser Bestandteil ist, von einem staatlich genormten, öffentlichen Einheitsbrei.

Siebentausend Biker - das waren zwanzigtausend weniger, als es hätten sein sollen und als man erwartet hatte, nachdem was in Paris und Brüssel in den Jahren zuvor los war. Entsprechend war die Stimmung bei den Motorradverbänden. BVDM, Biker Union, VCM und Kuhle Wampe hatten diese sechste und letzte Euro-Demo organisiert und bezahlt, als Demo gegen motorradfeindliche europäische Gesetzgebung. Das 100-PS-Limit war zum Beispiel noch nicht vom Tisch oder wie wäre es mit Beinprotektorenpflicht, Reifenbindungen, Ozonfahrverboten. Das hörte sich an wie der totale Gouvernantenstaat, aber es kümmerte trotzdem nicht viele. Deswegen feierten wir schnell noch die letzten freien Tage, denn demnächst würden wir uns wahrscheinlich strafbar machen, wenn wir ohne Schutzausrüstung unser Mopped nur aus der Garage schieben. Jedenfalls schienen sich die siebentausend Biker an diesem Wochenende darüber einig zu sein, dass sie nicht von ahnungslosen Bürokraten, die sie nie gesehen und nie gewählt hatten, behandelt werden wollten wie deren gottverdammte Kleinkinder. Exakt das war auch die Sorge der Organisatoren an dem Abend, die ziemlich sauer waren, dass so wenig Deutsche protestierten. Und wer das Gefühl hat nicht gehört zu werden, der wird eben etwas lauter, bis in der Dämmerung endlich die ersten Regierungsdokumente brannten.

Nicht weit vom Feuer stand ein alter glatzköpfiger Biker neben einer Goldwing, die mit riesigen Einbau-Boxen auch als Sound-Station diente. Um ihn standen vielleicht 10, 12 Leute und applaudierten hin und wieder. Der Kerl hatte ein maßgeschneidertes Manschettenhemd an und irgendjemand nannte ihn den Milieu-Anwalt. Ich stellte mich mit meiner Bockwurst auch dazu und sperrte die Ohren auf: „Heute ist es so, dass im Konfliktfall eines Bürgers mit dem Staat immer der Staat entscheidet wer Recht hat. Wenn der Staat z. B. entscheidet, dass du ihm mehr Steuern schuldest oder er dir verbietet, dass in deinem Laden geraucht wird, und du dem nicht zustimmst, was kannst du dann tun? Dann kannst du nur zu einem staatlichen Gericht gehen, besetzt mit Richtern, die selbst aus Steuern bezahlt werden. Und was werden diese Richter dann bestimmen? Natürlich, dass alles rechtens ist! Staatlich inszenierter Raub, Körperverletzung, Totschlag, Mord, Krieg – alles wird auf diese Weise „rechtlich“ sanktioniert. Wer das nicht glaubt, der sollte den Regierungschef mal wegen der Beihilfe zu Mord und Totschlag in Kriegsgebieten anklagen. Die Klage würde nicht mal angenommen werden und wenn doch, dann wäre der Ausgang von vornherein klar: Freispruch!” Es versammelten sich mehr und mehr Leute um ihn und aus allen Richtungen tönte es Zustimmungen. Und dann wurde es noch besser, als mir auffiel, dass dabei aus den Boxen der Goldwing immer wieder der Refrain eines Folk-Songs tönte: „Sag mir auf welcher Seite du stehst, Junge! Auf welcher Seite stehst du? Wirst du ein lausiger Schmarotzer sein oder wirst du sein ein freier Mann?“ Das jagte mir einen heftigen Schauer über den Rücken und ich wusste auch gleich, woher ich den Schauer kannte.

Ich war 13 als mich ein Protestsong das erste Mal zum Heulen brachte. Westernhagens „Freiheit“ war das, der drei Tage nach dem Mauerfall in Berlin aus ein paar tausend Radios von den Balkonen runter schallte, live übertragen vom ersten deutsch-deutschen Rockkonzert. 11 Stunden lang gaben sich dort die besten Liedermacher und Rockbands das Mikro in die Hand. Keine zwei Tage hatte die Organisation des Konzerts gedauert. Noch während dieser 11 Stunden überschlugen sich die Ereignisse und der Moderator gab Meldungen durch wie diese: „Der Verteidigungsminister der DDR hat soeben in der Aktuellen Kamera bekanntgegeben, dass an den innerdeutschen Grenzen der Schießbefehl aufgehoben ist!“ Solche Dinge passieren nicht oft im Leben und nachdem ich als Teenager die Welt der Erwachsenen zusammenfallen sehen habe wie ein Kartenhaus, habe ich ab sofort zweimal hingekuckt, wenn mir jemand den Status Quo als Nonplusultra verkaufen wollte. In jener Sommernacht, auf der Euro-Demo, forderte der Milieu-Anwalt jedenfalls mehr Kampfgeist von den Deutschen, obwohl der ja da war, eben nur auf der falschen Seite: "Sobald wir an die Macht kommen, drehen wir euch Motorradsportlern den Hahn zu. Der Nürburgring wird dichtgemacht, und das ist erst der Anfang". Das stammt von Lafontain, richtig, von dem schweinegesichtigen Sozialisten. Der sagt wenigstens was er denkt, wie Jürgen Trittin damals, als er den Benzinpreis noch auf 5 Mark pro Liter heben wollte. Damit ist auch klar, wo die Fronten verlaufen, nämlich zwischen denen, die den Hahn abdrehen und dicht machen wollen und denen, die ihn aufdrehen um am Wochenende mit dem Mopped zu ihrer Freundin zu fahren.

Aufdrehen und Mopped fahren? Daraus wird nichts, Kollege, zumindest nicht mehr oft, denn solange es den Staat gibt sind zwei Dinge sicher: erstens werden dich immer mehr Gesetze gängeln und zweitens wirst du dafür zur Kasse gebeten. Du wirst also entweder bald kein Bock oder keine Kohle mehr zum Mopped fahren haben. Also schau dich demnächst lieber öfter um, auf der Autobahn. In dem Zwölfzylinder-Audi hinter dir könnte ein verbitterter alter Mann sitzen, Vollzeit-Politiker, der gerade 25 Liter Sprit rausballert, den du bezahlst. Der arme Kerl muss bei Tacho 250 darüber nachdenken, an wen er deine Steuern verteilt, um auf der Überholspur zu bleiben. Wenn du Pech hast und nicht aus dem Weg fährst, dann wirst du dabei platt gemacht - Kollateralschaden. „Er zählte zu einer Minderheit in der Demokratie“ wird auf deinem Grabstein stehen. Das Ganze ist in der Tat wie ein Rennen und es geht auch um Leben und Tot. Zehn Jahre habe ich gebraucht, um es herauszufinden, aber jetzt weiß ich es und hier ist es: Es gibt nur eine Möglichkeit, bei diesem Rennen doch noch zu gewinnen und die heißt anhalten, Motor aus, Helm ab und dann erst mal umschauen. Es sieht nämlich nur bei Vollgas so aus, als ob da nur diese eine Straße wäre. Die Straße auf der uns die ausführende Gewalt vor sich hertreibt. Solange die aber die Straßen planen, wird das ganze verdammte Leben zur Autobahn, auf der Millionen grimmiger Typen von früh bis abends in die selbe falsche Richtung fahren und dabei nichts tun als nach vorne zu glotzen und die stinkenden Abgase ihrer Vorgänger zu schlucken. Also runter von der Straße, raus aus dem Verkehr, solange es noch geht. Wozu leider nicht viele die Eier haben, denn bei vollem Tempo springst du nicht ganz unbeschadet aus einem Hamsterrad.

Aber was hat das alles zu bedeuten? Ich weiß es auch nicht, aber der nächste Kumpel, der kommt und sagt: „Junge, hör endlich auf, an die Tagesschau zu glauben!“, dem werde ich eventuell genauer zuhören. Hatte er die Euro-Kriese vorhergesehen und sein Geld rechtzeitig aus dem Land gebracht? Hatte er eigentümliche Magazine auf dem Klo liegen, in denen radikales Zeug stand, das ein Jahr später plötzlich Usus war? Hat er Grübchen in den Mundwinkeln, weil er jeden Abend grinsend einschläft? Dann hat er den Durchblick und kuckt sich das Hamsterrad von draußen an. Der Mann hat seinen Sicherheitshelm abgesetzt, sein Gehirn angeschaltet und nochmal genauer hingeschaut. Dieser imaginäre Kumpel, von dem ich rede, das war der Erfinder des Kraftrads. Und des Stroms und der elektrischen Zahnbürste. Die Erfinder der Filtertüten und des Personalcomputers, der Suchmaschinen und des Multitouchscreens. Das sind die Menschen, die die Welt verändern.

“Ich scheiß auf Helmut Kohl.” sagte ein bärtiger Kerl im ACDC-Shirt neben mir, aber das brachte mich auch nicht weiter. Der Milieu-Anwalt holte zwei Stück Fleisch aus einer Kühlbox und gab sie seinem Kollegen. Ich war noch skeptisch was sein Getöne in Sachen Staat und Recht anging, also rief ich zu ihm rüber: “Wer soll die Konflikte schlichten, wenn nicht der Staat?” Der Kerl fing gerade an, einen Wein zu entkorken, reagierte aber auch gleich: “Richter und Schlichter, wie heute auch schon, nur nicht im Dienste des Staats. In einer Privatrechtsgesellschaft wendest du dich bei Konflikten an Schlichter, die von beiden Streitparteien unabhängig sind und diese Schlichter stehen untereinander in Konkurrenz um freiwillig zahlende Kunden.” Das klang einigermassen logisch, jedenfalls klang es besser, als die Idee, dass ich mich an im Staatsdienst stehende Richter wende, wenn ich ein Konflikt mit dem Staat habe. Das bräuchte natürlich eigentlich eine neutrale, dritte Partei. “Wenn sich eine solche dritte Partei ihre Reputation als unparteiischer Richter erhalten und nicht sofort aus dem Schlichtermarkt verdrängt werden will, mangels Kundschaft, dann ist auch ihr Urteil klar: Das von dir erarbeitete Einkommen ist dein Eigentum, nicht das des Staates - Steuern sind deshalb nichts anderes als Raub. Und dein Laden oder deine Gaststätte ist dein Eigentum und nicht der Laden des Staates - ein Rauchverbot, Ladenschlussgesetze oder jede andere Nutzungsbeschränkung die vom Staat auferlegt wurde, ist deshalb unrechtmäßig.”

Der Kumpel des Anwalts kam mit den Steaks vom Grill zurück und der Anwalt sagte “Danke, Professor”. Der Professor hatte eine Weste aus einem Heimatfilm an und ein schelmisches Lachen ins Gesicht gemeißelt. Mit winzigen Augen unter einer riesigen Brille schaute er mich jetzt an. Scheinbar hatte er meine Frage auch mitbekommen. Er gab die fertigen Steaks aus der Hand, nahm die Regionalzeitung von Gestern unter seinem Arm hervor, hielt mir das Titelblatt hin und nickte: “Was siehst Du?” Ein hässlicher alter Mann war zu sehen, auf einer Parteiveranstaltung. Über dem Bild stand: ”Elster im Amt bestätigt”. Das war die Titelstory. “Elster und ich sind zusammen zur Schule gegangen. Er hat drei Jahre lang neben mir gesessen und immer abgeschrieben. Bei der Abiturprüfung haben sie unter unserer Bank seinen Spikzettel gefunden und er wollte es mir in die Schuhe schieben. Heute ist er Parlamentarier.” Er steckte die Zeitung weg. “Lass dich nicht verarschen, Junge! Diese Leute leben von Deiner Arbeit, von Deinem Geld! Und das sind die selben Leute, die uns schon als Kinder genervt haben.” Dann wandte er sich an alle und rief: “Gestattet mir eine Frage: Wer von Euch ist Unternehmer, Selbständiger?” Inzwischen hatten sich 20, 30 Leute versammelt und die Hälfte davon gaben sich als Unternehmer zu erkennen. “Sehr gut. Und wieviele von euch haben Angestellte?” Nochmal die Hälfte. “So! Und nun frage ich alle anderen: Ihr kennt diese Jungs, ihr seid zusammen hierher gekommen. Ich frage euch: glaubt ihr wirklich es gäbe einen unüberbrückbaren Interessengegensatz zwischen ihnen und euch? Zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern? Zwischen Kapitalisten und Arbeitern?” Ein paar Zuhöhrer lachten, andere nickten und ich kuckte verwirrt.

Der Professor stieg auf einen Kasten Bier, damit ihn die Leute besser hören konnten. “Wir brauchen ein neues Klassenbewusstsein! Das Märchen von den kapitalistischen Ausbeutern ist marxistische Propaganda. Wenn wir der folgen enden wir erst im Sozialismus und dann in der Staatspleite. Die Front verläuft woanders: nämlich zwischen Steuerzahlern und Steuerkonsumenten!” Er holte seine Zeitung wieder aus der Weste und zeigte auf das Portrait. “Das ist der Feind! Der klassische Steuerkonsument, der von euren Einkommen lebt. Für die Arbeit dieses Mannes würde niemand freiwillig zahlen, deswegen muss er sein Gehalt gewaltsam von euch nehmen lassen. Und das ist auch der entscheidende Unterschied, daran erkennt ihr die zwei Klassen: Es gibt die Klasse der friedlichen, produktiven Personen. Das sind die Leute, denen man freiwillig sein Geld gibt, um ihre Produkte zu kaufen, oder ihre Leistungen. Und es gibt die Klasse derjenigen, denen niemand etwas freiwillig abkauft und die deshalb von Raub und Enteignung leben, von euren Steuern. Das hat nichts mit Arbeiter versus Kapitalist zu tun, sondern mit Produzenten gegen Parasiten! Nur wenn die Klasse der Produzenten - der Steuerzahler - das erkennt und öffentlich ausspricht, wenn wir uns endlich die dummdreisten Belehrungen der Politikerklasse verbitten - diese moralische und wirtschaftliche Unverschämtheit und wenn wir diese Klasse als die Schmarotzerbande bloßstellen und anklagen, die sie tatsächlich ist, nur dann wird es uns gelingen, das Parasitentum zurückzurollen und letztendlich zu beseitigen!” Jubel schallte über das Gelände, der Anwalt drehte die Soundanlage der Goldwing auf und ein paar Biker stimmten in den Refrain ein: “Sag mir auf welcher Seite du stehst, Junge! Auf welcher Seite stehst du? Wirst du ein lausiger Schmarotzer sein oder wirst du sein ein freier Mann?”

Das war vor 14 Jahren und es blieb die größte Deutsche Demo von Bikern. In Sachen Klassenkampf hat sich seitdem nichts verbessert. Im Gegenteil, die Schmarotzer sind auf dem Vormarsch, gekleidet als Demokraten. Jetzt haben sie den Kapitalismus in der Mangel, dem sie den Wohlstand überhaupt nur verdanken, den sie so gern umverteilen. Inzwischen will keiner mehr arbeiten, alle wollen nur noch das Geld der Nachbarn, hauptsache die Enteignung hat einen demokratischen Rahmen. Aber es ist nach wie vor nichts als Beraubung und Enteignung von friedlichen, produktiven Menschen durch die herrschende Klasse. Nach 150 Jahren ist der Kommunismus also doch angekommen, durch die Hintertür, in Form des demokratischen Sozialstaats - und jetzt, wo er da ist, kann man zusehen, wie er scheitert. Die klassenlose Gesellschaft rückt auch in den Demokratien immer weiter in die Ferne. Aber das ist noch nicht das Schlimmste: den Parasiten ist es zum ersten mal gelungen, dass ihre Untertanen freiwillig noch mehr Ausbeutung fordern - sie wollen mehr Staat, statt weniger, sie denken die Demokratie ist bedroht durch den Kapitalismus, natürlich ist es genau umgekehrt. Im Grunde könnte uns das alles egal sein, und wir könnten es wie die 7.000 Biker halten und einfach unser eigenes Ding machen. Aber alles was diese Leute beschließen, wird auch von uns verlangt und zwar mit der Waffe im Gesicht, wenn wir uns wehren. Wer auch immer anderer Meinung ist als die Demokraten, muss trotzdem für ihre Misswirtschaft zahlen. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen friedliebenden Menschen und den Staatsbefürwortern: die ersten werden sich nicht anmaßen, anderen Leuten ihre Vorstellung vom Zusammenleben aufzuzwingen. Sie stellen es jedem frei, sich freiwillig einer Staatsgewalt auszusetzen. Der Staatsbürger allerdings verlangt von allen Menschen, dass sie nach seiner Pfeife tanzen und für seinen Irrsinn Steuern zahlen. Deswegen der Aufruf zum Klassenkampf.

Und mehr kann ich auch nicht sagen, außer dem Spruch, der auf dem Mopped des Professors stand: “Freiheit ist die Mutter, nicht die Tochter der Ordnung.”

Italienische Sexspielzeuge

Aus meiner Tourenfahrer-Glosse:

Mein alter Schulfreund Martin kam letzten Sommer aus Dresden mit seiner Chopper in die Alpen und brachte einen Ducati-Fahrer mit. Wir wollten hier in Graubünden ein paar Pässe fahren. Der Duc-Pilot hatte eine 900SS gekauft, weil eine Ducati sein Lieblingsbike in Moto GP war, dem Videogame. Was scheinbar als Training nicht taugte, er blieb nämlich letzter in unserer Dreiergruppe, nur weil das Heck meines Kumpels vor jeder Kurve brutal zu springen anfing und er schiss hatte, mit seiner neuen Duc von einer außer Kontrolle geratenen Chopper zermalmt zu werden. Der Kerl war allerdings ein exzellenter Italien-Kenner und so haben wir jeden Tag bis in die Nacht über Berlusconi gelacht, den funny president, auch wenn der jetzt Ex-Präsident ist.

Auf der anderen Seite des Passes fand zur selben Zeit ein kleines Privattreffen statt: die Bilderberg-Konferenz. Rockefeller, Ackermann, Kissinger, ein paar handverlesene Politiker und die Chefs von Google, Amazon, Facebook & Co waren geladen und weitere 100 Gäste, die viel zu erzählen hatten. So spannend war es aber scheinbar dann doch nicht, jedenfalls berichtete außer ein paar Bloggern praktisch niemand über das Treffen, auch Die Zeit nicht, die lieber über ein Treffen von Elvis-Fans in Dänemark schrieb, obwohl ihr Chefredakteur schon zum 13. Mal auf der Bilderberg-Teilnehmerliste stand. Berlusconis Nachfolger Mario Monti stand auch drauf, genau genommen auf der Liste des Bilderberg-Führungskomitees. Das wusste unser Italien-Kenner und das machte ihm mächtig Sorgen. Monti war scheinbar ein gut vernetzter Mann, der seine Freunde nicht nur unter Bilderberg-Gästen hatte, ein echter Sieger also. Ein Sieger, der erklärt hatte, dass er die EU zu einem europäischen Bundesstaat ausbauen will und der dafür schon mal ein paar nützliche Telefonnummern in der Tasche hat. Ich würde also lieber nicht dagegen wetten, dass ihm das gelingt. Zumindest wird er nicht zögern Italien dafür herzugeben. 30 Milliarden Euro hat er jedenfalls neulich schon verzockt, ausgezahlt an angeblich schmachtende Konzerne, die die Kohle wohl dringender brauchten als seine Steuerzahler.

Dazu passt, was ich gestern im Heute Journal gesehen habe, einen Schneider aus Neapel nämlich, der ungehemmt in die Kamera sagte, dass er keine Einkommenssteuer zahlt, weil er sich diesen Luxus nicht leisten könne. Hat er noch nie gemacht und er hat es auch in Zukunft nicht vor. Der Kerl war ein verdammter Rennwagen, ja, und man drehte ihn im roten Bereich. Es ist gefährlich einen Rennwagen im roten Bereich zu fahren. So sagt man das als Filmemacher - der Schneider sagte: “Noch einen Cent mehr, Freundchen, und ich schmeiß dir den Dreck vor die Füße.”

Bei Ducati sieht das anders aus, dort brummt der Laden. Und scheinbar auch schon seit Jahren, denn als Martin und ich in den 90ern unsere ersten Moppeds kauften, war die Ducati 916 eine Legende. Der Chuck Norris der Cafe-Racer. Wenn ich mit meinem Billig-Umbau einer 600er Bandit und Martin mit seiner 650er Chopper damals vor der dörflichen Eisdiele rumlungerten und eine 916 hielt an, dann war der Tag gelaufen. Wir brauchten uns dort nie wieder blicken lassen. Die Mädchen wurden beim Anblick des Motorrads besinnungslos. Allerdings waren sie entweder blind oder dämlich, denn die 916 hatte nur eine Einzelsitzbank. Was für ein Schwachsinn. Der Kerl konnte niemals eine Frau mitnehmen. Und dafür hatten wir in dem Alter die Karren überhaupt nur. Die Chopper meines Kumpel hatte zwar auch keinen Soziusplatz mehr, aber Mädels die auf Chopper standen fuhren auch auf dem Kotflügel mit.

Es gab damals nur noch eine weitere Marke, die dieselbe Wirkung erzielte wie Ducati. Jedenfalls bei ahnungslosen Teenagern aus der Provinz. Und diese Marke heißt Harley Davidson. 1999 muss es gewesen sein, als ich mit Martin auf dem Harley Davidson Motorcycle Jamboree war. Das ist so lange her, dass ich es nicht mal mehr ordentlich googlen kann, aber es kamen wohl knapp 40.000 Biker. Motörhead waren übrigens auch da, Lemmy stellte immer seine Gitarre vor einem Lautsprecher ab, das gab fiese minutenlange Rückkopplungen. Auf dem Gelände fuhren überall spektakuläre Karren rum, auch die Chopper meines Kumpels fiel auf. Es standen ständig Leute vor seinem Mopped und diskutierten, er musste sich für jede Ausfahrt erst mal den Weg bahnen. Die meisten dachten, er würde Harley fahren, weil man das Ursprungsmodell seines Umbaus als Laie nicht mehr erkennen konnte. Es war eine Yamaha Dragstar.

In den 80ern und 90ern gab es ja einige innovative Bikes von Yamaha. Die Dragstar muss eine der ersten modernen Cruiser gewesen sein. Das Bike hatte eine Starrrahmen-Optik, einen fetten Tank und schon im Original ziemlich dicke Schlappen. Und einen luftgekühlten V2. Gute Voraussetzungen für einen günstigen Umbau.
Zuerst hatte mein Kumpel den Lenker ersetzt mit einer Wide Bar von Louis, die mit Kellermännern dann 111cm breit war. Als nächstes kaufte er Megaphone Pipes aus den Staaten, die vor allem laut sein sollten und das waren sie auch. Auf dem Jamboree hätte er deswegen fast einen Kollegen überfahren, weil der auf der Fahrt zum Klo hinter ihm her stürzte und ihn dann halb vom Mopped riss, um zu fragen, wo es die Auspuffanlage zu kaufen gibt. Dann kam die Tieferlegung. Auf schlechten Strassen flog ihm danach immer das Heck um die Ohren, weil die komplette Federung nur noch aus einer Hartgummischeibe bestand. Und selbst die musste er importieren. Für die ganzen Importe fielen brutale Zollabgaben an.

Angeblich sollen damit einheimischen Arbeitsplätze geschützt werden, aber dieses Märchen stinkt. Nach der selben Logik könnte man Strafzölle auch auf Städte ausweiten: Kauft Gurken aus Starnberg und nicht aus dem Spreewald, denn auch Starnberg hat ein Recht auf Gurkenwirtschaft. Oder wie wäre es mit Zollstellen am Rand jedes Wohnviertels, sagen wir mal am Eingang der Protektionistensackgasse - dort zahlt man dann Importzoll auf Backwaren von außerhalb, damit der Bäcker des benachbarten Bastiat-Boulevard seine Semmel dort nicht mehr verkaufen kann. Die Einführung dieses Importzolls hat natürlich der Bäcker der Protektionistensackgasse forciert, weil das die einfachste Art war, die Konkurrenz loszuwerden. Dafür musste er nicht mal besser backen. Der Bürgermeister fand die Idee auch gleich super, weil die Steuern in seinen Topf gingen, wie praktisch. Mit Mopped-Importteilen verhält es sich nicht anders, auch wenn die aus den USA kommen.

Auf dem Motorcycle Jamboree gab es leider keine Bäcker, aber es gab eine Dorfkneipe, vor der die wildesten Mädchen der Gegend abhingen, um sich von den Bikern herumkutschen zu lassen. Und die Biker kamen auch und zwar reichlich, weil der Wirt in seiner Weisheit ein paar Stripperinnen aus Berlin zum Kellnern angeheuert hatte. Das Geschäft lief gut. Auch jeder andere Laden des Dorfes fuhr den kompletten Jahresumsatz in drei Tagen ein, selbst die Omas applaudierten aus ihren Küchenfenstern und verschenkten Apfelkuchen und der Bürgermeister saß mit fettem Grinsen mitten drin. Denn er hatte seinen Job gut gemacht: Im 50 Kilometer-Radius war nirgends ein Bulle zu sehen, wer konnte, der baute seinen Schalldämpfer ab, einen Helm hatte sowieso niemand auf. Das Krachen der Zweizylinder muss bis Berlin zu hören gewesen sein, nicht wenige Biker verloren an diesem sonnigen Wochenende für immer einen Teil ihres Hörvermögens.
Ich hatte Glück. Ich konnte nach einer Woche schon wieder laufen, nachdem es mir vor der Kneipe den kochenden Kaffee aus der Hand geschleudert hatte. Ein Typ ohne Haare schmiss direkt hinter meinem Rücken seine Fat Boy an. Das waren 140 Dezibel, die mich mit einer beachtlichen Druckwelle erreichten und der Kaffee hat mir auf der Stelle beide Beine verbrannt.

Auch die Dragstar meines Kumpels konnte ordentlich donnern. Immer wenn er die Kiste anließ, heulten im Umkreis von 5 Metern die Alarmanlagen los, und die Hormonspiegel der Zuschauer gerieten außer Kontrolle. Jedenfalls baggerten uns bald zwei Mädchen an, die hoffentlich in dem Sommer schon 16 geworden waren. Wir stürzten uns gleich wie Wölfe auf die beiden, bis die eine irgendwann fragte “Und ihr fahrt auch wirklich Harleys?” Und dann hatten sie schlagartig das Interesse verloren.
Das hatte meinem Kumpel schwer zugesetzt, er schreckt heute noch panisch aus dem Schlaf hoch, zittert und muss dann Kamillentee trinken. Alle fünf Jahre rede ich ihm eine Harley von der Stange aus, dabei ist seine Yamaha eine echte Liebhaber-Maschine. Nicht lange nach dem Jamboree hatte er damit die coolste Braut aus der Nachbarschaft abgeschleppt und zwar ohne es zu merken. In einer Großstadt.

Einzigartige Dinge passieren eben, wenn man ungewöhnliche Fahrzeuge fährt. Viel mehr Ehen, als man glaubt, haben auf zwei oder vier Rädern begonnen. Das wissen die Italiener und deswegen bauen sie grundsätzlich nur rote Fahrzeuge. Leider kann sich die in Italien niemand mehr leisten, auch unser Italien-Kenner musste seine Ducati verkaufen. Das war letzten Winter. Er rief mich eine Woche später an und jammerte was von “Es war als hätte man mir meine Eier abgeschnitten!” Der arme Kerl hatte seit dem nie wieder guten Sex, dabei hatte ich sofort einen erstklassigen Tipp parat: “Selber schuld, stronzo! Du solltest es wie die Neapolitaner halten und einfach keine Steuern mehr zahlen. Das Geld kannst du dann in eine Bimota oder Moto Guzzi stecken oder von mir aus auch in eine Ducati.”

Hubraumorgien und Geldvernichtung im wilden 20. Jahrhundert

Eine neue Story aus meiner Tourenfahrer-Glosse:

Neunzehn Jahre lang besaß ich ausschließlich Motorräder, dann kaufte ich mir einen Bus, um damit die Motorräder spazieren zu fahren. Nach 20 Kilometern hatte ich das erste Auto gerammt und zehn Minuten später flog mir fast meine KTM durch die Scheibe, weil eines dieser zwergenhaften Stadtautos neben mir aus dem Nichts auftauchte. Ich hätte lieber gleich beim Mopped bleiben sollen. Mein erstes Mokick war eine 70 Kubik-Zweitakter mit 5,6 PS. 400 DM hatte mir ein Typ aus dem Nachbardorf dafür abgeknöpft. Das Scheißding war höchstens noch 200 wert. In die Trommelbremse war Sprühlack reingelaufen, die Elektrik war sowieso im Arsch. Das Hinterrad hatte er stümperhaft umgespeicht, um eine viel zu breite Felge reinzudonnern. Der Rahmen war am Heck schief hochgebogen und in der verlängerten Telegabel klapperte es immer. Das Ganze sollte eine Enduro darstellen, fuhr sich aber eher wie ein rumänischer Kinderwagen. Und das war noch nicht das Schlimmste. Die Umbauten schluckten die Hälfte der Leistung. Das war ein Problem, denn mit 16 Jahren kommt es auf jeden verdammten km/h an. Ob du mit 68 oder 70 Sachen durch die Gegend fährst, fühlt sich an wie der Unterschied zwischen Sterben und Leben. Zumindest, wenn die Karre deines Kumpels 69 läuft.

Mit 18 kaufte ich dann lieber gleich eine 650er, die Honda Dominator. Die hatte acht mal so viel Leistung und fuhr im Winter bergab fast 190. Das war ein handfestes Upgrade und passte auch gut zu den 90ern, da lebten nämlich alle über ihre Verhältnisse. Oder eigentlich waren die 70er ja die fetten Jahre, oder die 80er, aber da herrschte in meiner Heimat noch fieser Sozialismus. Ich hinkte sozusagen zehn Jahre hinterher. Die westlichen Demokratien waren damals schon dort, wo wir auch heute noch sind: für jede Mark, die an Steuern gezahlt wurde, bekam der Steuerzahler 2 Mark zurück. So lässt sich super Politik machen, denn wer was verteilen kann, der wird auch gewählt. Also verteilten die Politiker unsinnige Arbeitsplätze, Subventionen und Fördergelder bis auch in der Marktwirtschaft jeder Dritte, mindestens indirekt, für den Staat arbeitete. Natürlich explodierte dadurch die Staatsverschuldung, sogar nach offiziellen Zahlen. Aber wen interessiert schon, was die ungeborenen Enkel zahlen werden, solange das eigene Konto voll ist.

Ich kaufte mir also vom Geld meiner Enkel zum 18. Geburtstag diese prächtige Honda mit dem besten Rotax-Motor, der je gebaut wurde. 50.000 Kilometer lang drehte ich den täglich bis zum Anschlag, dann wurde mir die Karre geklaut. Am nächsten Tag holte ich mir eine 600er Bandit, die hatte nochmal fast doppelt so viel Leistung und fuhr endlich über 200. Scheiße, ich war schließlich kein Halbstarker mehr. Auf die Bandit montierte ich ein Stahlrohr aus dem Baumarkt als Lenker, so dass es mir in engen Rechtskurven immer die Kupplung zog, weil der Bowdenzug zu kurz war. Auch das passte super zum Zeitgeist: Hauptsache da sitzt jemand möglichst beeindruckend am Steuer, ob er die Karre überhaupt noch lenken kann, interessiert kein Schwein. Natürlich endete das in meinem Fall in einem erbärmlichen Unfall, aus dem die Bandit als Metallklumpen hervorging. Im Fall des langen 20. Jahrhunderts endet es gerade mit einem Crash der Währungen und des gesamten Zentralbank-Geldsystems. Mehr Schein als Sein ist eben auch bei Zentralbankern das Motto. Mal sehen, wie wir alle aus dieser Krise hervorgehen. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass wir ebenfalls als Klumpen enden, nämlich als der vereinigte europäische Volksklumpen, in dem alle in denselben brackigen Steuertopf einzahlen und das gleiche Mindestgehalt bekommen.

Aus dem Steuertopf wurden auch meine Arztrechnungen bezahlt, und die kamen reichlich nach dem Bandit-Crash. Eine Woche lag ich im Krankenhaus, das reichte, um mich für das nächste Bike zu entscheiden und zwar für eine 600er Hornet. Die hatte wieder 20 PS mehr, aber diesmal auch ein erstklassiges Fahrwerk. Es war derartig gut, dass ich als Laie, noch in Schräglage, mit einem Wheelie aus der Kurve heraus beschleunigen konnte. Wieso auch nicht? Die nächsten Arztrechnungen werden auch wieder gleichmäßig auf ein paar Millionen Leute verteilt, dachte ich mir, nur ein Feigling würde mit Anfang 20 unter diesen Umständen ordentlich fahren. Diesmal verbaute ich dann zwar einen ergonomischeren Lenker, aber genüzt hat er mir nicht lange, denn die Karre wurde ebenfalls geklaut.

Dann ging ich erst mal in die Staaten. Und hier begann mein Verhältnis mit Autos. Zuerst mal mit einem 1990er Mustang Cabrio mit Handschaltung, in dem ein V8 drin war. Der hatte zwar nur 225 PS, dafür aber 5 Liter Hubraum. Irgend ein Witzbold hatte in die Karre allerdings ein anderes Getriebe eingebaut, was der Vermieter angeblich noch nicht wusste. Er wollte mir nämlich zwei Monate später dafür 800 Dollar abnehmen, weil ich scheinbar während der Mietzeit das originale Getriebe gegen das eines Vierzylinder-Mustangs ausgetauscht hätte. Man konnte jedenfalls auch im zweiten Gang noch das Heck leiern lassen und zwar ab eintausendfünfhundert Umdrehungen. Seitdem habe ich mir vor jedem Motorkauf immer erst mal die Drehmomentkurve angesehen. Weniger als 400 Newtonmeter wollte ich danach nie wieder anliegen haben. Zumindest nicht bei schweren Wagen.

Aber eigentlich fuhr ich ja auch in Deutschland schon Autos, zum Beispiel den Renault Clio meiner Oma. Eine lustige Karre war das, mit winzigem Motor, keine Ahnung wie klein der war. Ich weiß noch wie das Auto immer durch die Nordostkurve rutschte, auf dem Leipziger Innenstadtring. Es schob völlig gutmütig über alle 4 Räder gleichzeitig. Zumindest wenn man von Süden kam und nach Osten abbog. 50 Meter vor der Kurve ist eine Ampel. Die Strecke ist zweispurig. Auf der linken Spur konnte ich mit dem Clio manchmal nicht mal so viel Vorsprung rausfahren, dass ich in der Kurve die rechte Spur hätte schneiden können. In dem Mustang aus Miami hätte ich beim Start wahrscheinlich erst mal mein Heck gegen die Ampel geknallt. Es war nämlich verdammt schwierig, die Reifen eben gerade nicht durchdrehen zu lassen. Der nächste Burnout war immer nur ein Fußzucken weit entfernt. Dann kam der zweite Gang und es ging genau so weiter. Am Ende des Zweiten hätte ich in dieser Kurve bereits auf eine Verkehrsinsel gestarrt, die sich direkt von vorn aus 15 Metern Abstand mit 60 Sachen genährt hätte. Und was dann? Natürlich auf die Eisen, aber dieses bockende Metallmonster würde einfach nicht verzögern.

In Miami sind wir alle Kurven erst mal gefahren, als ob wir noch im Clio säßen. Bis wir dann gemerkt haben: wow, da sind ja rechts und links jederzeit noch 3 Meter Platz. Also haben wir die Karren von nun an immer schön driften lassen. Das war auch erst nicht ganz einfach, aber immerhin machbar - im deutschen Stadtverkehr ist es praktisch nicht möglich. Deswegen kaufte man sich hier lieber einen schnellen 3er oder einen alten 5er, wenn es was Massives sein sollte. In den USA brauchte man nach massiven Karren nicht lange suchen. Nach dem Mustang besorgte ich mir einen 74er Cadillac Eldorado. Ebenfalls ein V8 Cabrio, aber diesmal mit 8 Liter Hubraum, der Größenwahnsinn nahm also immer noch kein Ende. Nach 10.000 Meilen hatte ich auch den Cadi zu Schrott gefahren und dabei 3.000 Liter Benzin rausgeballert. Das war 2003 - das Ende des Amerikanischen Jahrhunderts war schon eingeläutet.

Als ich nach Europa zurück kam, baute ich mir eine Streetfighter auf. Das war der Höhepunkt meines abendländischen Irrsinns. Streetfighter erfüllen nämlich tatsächlich keine andere Funktion, als den Leuten was vorzumachen. Sie sind nicht die Straßenkämpfer, für die sie sich halten, jedenfalls habe ich noch keine Streetfighter bei der MotoGP gesehen. Oder bei der Breslau-Rallye. Interessanterweise ging es mit meiner Streetfighter nur langsam zu Ende. Die Maschine wurde anfälliger, blieb immer mal stehen, funktionierte nicht mehr wie früher und machte irgendwie kein Spaß mehr. Sie wurde nicht geklaut, ich fuhr nicht gegen die Brücke und es haute mir auch nicht bei 14.000 Umdrehungen die Kolben fest. Ich musste also selber erkennen, dass es zu Ende ging und den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg finden. Natürlich ging es dabei schon lange nicht mehr nur um das Mopped. Es ging darum, dass es generell vorbei war. Mit irgendwas. Ich müsste in Zukunft nach irgend etwas Anderem streben als vorher. Aber was könnte das sein?

Es war eine 10 Jahre alte KTM LC4 Adventure. Nach 100.000 Zweirad-Kilometern war ich wieder bei einer mickrigen Einzylinder gelandet und außerdem beim hässlichsten Fahrzeug, das jemals gebaut wurde. Zumindest auf den ersten Blick - und das war der springende Punkt. Wer zweimal hinschaute, der konnte erkennen, dass alles an diesem Fahrzeug einem Zweck diente. Es ging hier offenbar um Sein und nicht Schein. Das war schon mal neu und ziemlich befremdlich. Noch ein Phänomen fiel mir auf: das Mopped wurde immer schöner, statt hässlicher. Zum Beispiel durch die Startnummernaufkleber. Das Bike war ja tatsächlich konkret zu gebrauchen, zum Beispiel für Offroad-Rallyes. Oder wie wäre es mit einer Wasserdurchfahrt, weil die Autobahn in Sardinien einen halben Meter Regenwasser führt? Nur zu. Du bist mitten in Russland und der Anlasser ist kaputt? Was solls, es gibt immer noch Kickstarter. Die nächste Tankstelle ist 500 Kilometer entfernt? Na und, einmal volltanken, bitte. Die Pfütze auf der Schnellstraße war geschätzte 2 Meter tief? Kein Problem, wozu hat man den Killer-Federweg. Ein kleiner Überschlag in den Hang der Grenzkammstraße rein? Spiegel richten und weiterfahren. Und so ging das immer weiter, bis aus der hässlichen Ente ein kolossaler Flugsaurier geworden war. Beziehungsweise hatte sich am Mopped ja nichts geändert, nur meine Perspektive war inzwischen anders. Ich schaute jetzt aus Augenhöhe auf das Bike. Dazu musste ich erst mal vom hohen Ross runter und dann noch ‘nen Meter wachsen.

Aber da sind wir heute, wir fahren alle die Maschine, die zu uns passt. Wer das nicht tut, dem wird es bald ergehen wie seiner Rente: das Mopped wird über Nacht an Wert verlieren, nämlich an dem Morgen, an dem er aufwacht und plötzlich den Schein vom Sein unterscheiden kann. Die gute Nachricht für mich war: das hässliche alte Mopped, das zu mir passte, war schon für 3.500 Euro zu haben. Das ist praktisch, jetzt wo die fetten Jahre bald vorbei sind. Dafür musste ich noch nicht mal wieder meine Enkel beklauen.


Illustration (cc by) Stefan Kluge

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