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Signale Senden

Kraftfahrer müssen ab Juli in Frankreich immer einen Alkohol-Schnelltester mitführen. Wer keinen unbenutzten Test bei einer Kontrolle vorweisen kann, muss von November an elf Euro Bußgeld zahlen. Eine weitere libertäre Moppedstory aus meiner monatlichen Tourenfahrer-Glosse:



Illustration (cc by) Stefan Kluge


Am 1. Januar bin ich 0 Uhr 5 aufgewacht, weil es unverschämt laut war, auf der Straße. Auch der Gestank war eine Frechheit, aber der kam nicht von draußen, sondern aus meinem eigenen Zimmer. Mein Sohn hatte scheinbar wieder ins Bett gekotzt, aber dafür hatte er gleich zwei gute Ausreden: erstens waren wir krank und zweitens war er ein Baby. Ein paar Kilometer weiter gab es keine Ausreden, dort wurde gleich massenweise erbrochen und zwar am Arbeitsplatz meines Kumpels. Der feierte Silvester im Dienstwagen, als Notarzt, vor einer Großraumdisko. Flatratesaufen war das Motto des Abends und genau 7 Minuten nach Mitternacht kam das erste Mädchen besinnungslos aus der Schwingtür getaumelt und sackte im Schnee zusammen wie ein geköpftes Huhn. Danach ging es Schlag auf Schlag bis nach einer halben Stunde der Parkplatz aussah wie nach einem Giftgasangriff. Die Leute umklammerten Laternenpfähle, rutschten an Hauswänden in sich zusammen und spien sich gegenseitig willenlos die Sachen voll. Mein Kumpel hatte mich inzwischen angerufen, weil ich noch ein Interview für einen Rallyefilm mit ihm brauchte und dieses Setting war einmalig. Als ich 1 Uhr 47 die Kamera laufen hatte stieg der erste Diskobesucher in sein Auto, fuhr rückwärts gegen die Hauswand und schlief dann am Lenkrad ein.

Das brachte mich zu der Annahme, dass sich Alkohol auf die Fahrtüchtigkeit auswirken könnte. Aber wer weiß, vielleicht irre ich mich auch und man will mir das alles nur einreden, beziehungsweise sind Hypothesen sowieso einen Scheiß wert, darum will ich mich heute mal benehmen wie ein guter Wissenschaftler und meine Aussage empirisch belegen. Dafür brauche ich zwei Dinge. Erstens: das beste Rennspiel, das jemals entwickelt wurde: Super Mario Kart. Das gilt sogar als eines der besten Videospiele aller Genres und steht im Guinessbuch unter “Bestes Konsolenspiel aller Zeiten”. Was das heißen soll muss uns nicht interessieren, also kommen wir zu Zweitens: ich brauche Alkohol. Ein sautrockener Champanger steht hier noch rum, der wahrscheinlich nicht sehr repräsentativ ist, aber einen besseren Anlass wird es demnächst nicht geben und Bier habe ich gerade eh nicht da, also los gehts. Aber vorher muss ich mich einfahren, denn als ich das letzte mal Super Mario Kart gezockt habe sprengte die RAF gerade den Weiterstädter Knast in die Luft und Walter Röhrl fuhr mit seinen Kumpels den legendären 911 Turbo S Le Mans GT zu Schrott. Ich werde jetzt nur ein paar Pixel verheizen und zwar so lange, bis meine besten 5 Zeiten weniger als 1% auseinanderliegen - das würde ich dann als warmgefahren bezeichnen. Und dann wollen wir mal sehen, was der Champagner bewirkt… Da bin ich wieder und hier sind die Messwerte: Nüchtern: 1:31.33 Minuten; 1 Glas: +8.12 Sekunden; 2 Gläser: +12.38 Sekunden; 3 Gläser: +24.30 Sekunden. Und das muss reichen, ich bin keine 18 mehr, ausserdem will meine Frau auch noch was von der teuren Plörre. Aber der Trend ist jetzt schon klar: wer trinkt, verliert, so einfach ist das. Obwohl sich hier streng genommen erst mal nur eines folgern lässt: wer nüchtern einen Unfall baut, der fährt dabei mindestens 9% schneller.

Aber über Videogames wollte ich nicht schreiben, sondern über die Franzosen - die haben schon wieder eine Krise. Eine Alkoholkrise nämlich, denn jedes Jahr sterben in Frankreich ein paar tausend Leute im Straßenverkehr und in einem Drittel der Fälle war dabei Alkohol im Spiel. Das ist drei mal öfter als in Deutschland, vielleicht sogar fünf mal, wenn man die Vorpommern rausrechnet. Und das sind mehr Tote, als in modernen Kriegen anfallen, wir reden also nicht über die Europäische Bananenverordnung - hier geht es um Leben und Tod. Es wird höchste Zeit, dass die miesen Säufer einen mächtigen Gegner bekommen: Nicolas Sarkozy. Der sieht zwar aus wie Doof aus Dick und Doof, aber das ist nur Tarnung, der Mann ist clever, deswegen hat er die Trunkenheit am Steuer zum Staatsfeind erklärt. Da kann ja wohl keiner was dagegen haben, ich jedenfalls nicht, vor allem dann nicht, wenn ich Samstag Nacht mit dem Mopped aus dem Urlaub komme und mir ein besoffener Halbstarker seine Anderthalbtonnen-Schrottkarre aus der Nebenstraße in die Seite knallen will.

Was hat der clevere Staatsmann also vor? Ein ganzes Maßnahmenpaket natürlich, wovon ein Gesetz demnächst akut wird, nämlich die Pflicht zum Mitführen eines Alkoholtesters in jedem KFZ ab 50 Kubik. Also auch auf dem Motorrad. Einwegtest-Kits wird es an der Grenze und an Tankstellen für 2 Euro geben und die dürften bei vielen auch noch unter die Sitzbank passen. Die Benutzung ist nicht vorgeschrieben, man muss bei Kontrollen nur einen unverbrauchten Kit vorzeigen, obwohl ich nicht glaube, dass die Cops auf ausländische Moppedfahrer scharf sein werden. Die Idee ist scheinbar, dass man sich mindestens zwei Kits kauft und dann wirklich mal einen Test macht, vielleicht nach dem Mittagessen, irgendwo in der Provence. Wenn das Ding dann anschlägt fährt man wahrscheinlich trotzdem weiter, aber trinkt zum nächsten Ratatouille nur noch ein Glas Wein.

Vielleicht wird das alles nichts bringen und vielleicht kassieren auch ein paar korrupte Regierungsberater fette Lobbygelder von den Kit-Herstellern, aber es gibt auch einen Aspekt, der mir runter geht wie Öl: wenn die Franzosen etwas testen, das in anderen Staaten nicht praktiziert wird, dann ist das Wettbewerb. In dem Fall ein Wettbewerb um sichere Straßen der nur eines von zwei Ergebnissen haben kann: entweder funktioniert es oder es funktioniert nicht. Im zweiten Fall ist es dann dumm gelaufen, weil Gesetzte niemals zurückgenommen werden und Millionen von Franzosen bis zur nächsten Revolution nutzlose Alkoholtestkits kaufen werden. Aber im Erfolgsfall können wir alle davon lernen und es gibt keinen anderen Weg, es herauszufinden, als dass es jemand probiert. Das ist das Gegenteil vom großen politischen Trend in Europa, nämlich der Vereinheitlichung und Zentralisierung, durch den kein Staat mehr etwas besser machen darf, als die Nachbarn, deswegen gratuliere ich den Franzosen. Das ist die nette Variante, die Lage zu beurteilen, jetzt kommt das Gemotze, schließlich geht es um unsere Leben.

Vor 25 Jahren ging man Samstags noch zur Schule, in der DDR jedenfalls, und mein Schulweg führte an einem Konsum vorbei. Fast jede Woche standen dort ein paar Dutzend Leute in einer ewigen Schlange, weil es was Knappes zu kaufen gab. Bananen, wenn wir viel Glück hatten, vielleicht aber auch nur Erdbeeren. 20 Jahre später fuhr ich oft in die Innenstadt, wo es zwar inzwischen immer Bananen gab, aber ich stand trotzdem jede Woche in einer Schlange, nämlich in einer Autoschlange. Im Stau. Und der hat exakt die selbe Ursache wie die sozialistischen Bananenschlangen: Planwirtschaft. Die Planwirtschaften gingen vor die Hunde, weil der Staat die Preise politisch bestimmt hat und nicht auf Basis von Angebot und Nachfrage. Wenn in einer Marktwirtschaft plötzlich alle Erdbeeren futtern wollen, dann gehen sofort die Preise hoch und das sendet Signale an Bauern und Importeure aus, die mehr Bananen besorgen und dabei hoffentlich nicht im Stau stehen. Im Stau können sie nämlich hupen und fluchen bis zum Feierabend, solche Signale sind wirkungslos, weil die Straßenplaner von Hupsignalen auch nichts kaufen können und der Staat offenbar andere Pläne hat, sonst würden nicht zwei Drittel der Einnahmen aus KFZ- und Mineralölsteuer außerhalb des Straßenverkehrs ausgegeben.

Als die Straßen noch in Unternehmerhand waren, wurde die Nutzungsgebühr zum Beispiel nach Anzahl der Pferde vor den Kutschen berechnet und nach Anzahl der Achsen und der Radbreite. Wer die Straßen kaputt fuhr, der hat dann eben mehr bezahlt, was wiederum Signale an die Hersteller der Kutschen sendete, straßenschonende Kutschen zu bauen. Das ist so lange her, dass wir das Pferd inzwischen durch ein computergesteuertes Zweirad mit der Pferdestärke eines Schwadrons ersetzt haben. Das haben wir der Marktwirtschaft zu verdanken. Und was ist aus unseren Planwirtschaftsstraßen geworden? Nichts ist passiert, seit 2005 gibt es nun in Deutschland eine LKW-Maut, die sogar die Anzahl der Achsen berücksichtig. Wow. Also gut, die Straßen sind besser geworden, aber sicher nicht im Tempo des Marktes. Und in Zeitlupe entwickelt sich dann eben auch die Straßensicherheit weiter. Aber wir haben ja Herrn Sarkozy und andere clevere Planer. Die sind so klug wie ein paar Millionen von uns, die brauchen nicht mal Preissignale, die werden sich schon was einfallen lassen, für die nächsten 200 Jahre. Vorerst ist das eben ein Einweg-Plastikbeutel in den man reinblasen kann, um zu erfahren, ob man vor einer halben Stunde ein Bier getrunken hat. Sollte das mal EU-Verordnung werden, dann betrifft das allerdings nicht die Fußgänger, die am Verkehr teilnehmen, die Rumänen dürfen also weiter ihre lustigen Verkehrsschilder aufstellen: “Achtung betrunkene Passanten!” Viel gelacht wird auch über “Alkohol Test in Serbien”, auf YouTube, in dem ein Opa von einem Cop bei einer Kontrolle einen Alkoholtester zum Reinblasen gereicht bekommt, aber der Alte ist so besoffen, dass er das Ding für einen Flachmann hält und zu ‘nem kräftigen Schluck ansetzt. Bei solchen Typen sollte man vielleicht andere Geschütze auffahren. Wie wäre es mit dem Vorschlag von Jeremy Clarkson, dass sich jeder Fahrer mit Alkohol im Blut eine grüne Leuchte aufs Autodach setzen muss und dann nur noch 15 km/h fahren darf. Wer ohne Leuchte erwischt wird, der wird auf der Stelle erschossen.

Aber Spaß beiseite, wir werden vielleicht nicht die letzten sein, die Lachen. Von der Europäischen Kommission wurden in den letzten 10 Jahren mindestens 5 Projekte finanziert, die mit der Planung einer staatlichen Fahrzeugüberwachung zu tun hatten. Da werden dann zum Beispiel Black Boxen empfohlen, die eine “100% Überwachung aller Verkehrsordnungswiedrigkeiten” ermöglichen. In Frankreich wurde ein System getestet, das aktiv die Geschwindigkeit deines Autos drosselt, sobald du schneller fährst, als es gerade erlaubt ist. LAVIA ist der Name dieses Projekts und im November hat Sarkozy noch angekündigt, es endlich bald in Aktion sehen zu wollen. Noch sieht es so aus, als ob all diese Projekte im bürokratischen Sumpf stecken bleiben und ihnen der Markt mit kundenfreundlichen Lösung zuvorkommt. Zum Beispiel ein Gaspedal, das mal freundlich einen winzigen Gegendruck aufbaut, wenn man die zulässige Geschwindigkeit überschreitet. Oder von mir aus auch ebenfalls eine Black Box, die aber nicht an Big Brother Meldung macht, sondern von deiner Versicherungsgesellschaft stammt und deine Prämie senkt, wenn du ordentlich fährst. Es besteht also Hoffnung für unsere Sicherheit, solange man uns Geld übrig lässt, um Signale zu senden.

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